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GAZETTE

DIE GESCHICHTE DES RENAISSANCE-THEATERS BERLIN

Ein „Zaubertheater“ wird es genannt, ein „Feenschlößchen“, ein „Juwel“. Besucher wie Flaneure lockt das Dreiecksgebäude im traditionsreichen Stadtviertel Charlottenburg mit seiner spektakulären Glasfassade und dem Namenszug des Theaters aus funkelnden Glühbirnen. Sein Inneres hält nicht nur, was das Äußere verspricht, sondern wartet zudem mit einem Superlativ auf, denn kein anderes europäisches Theater kann heute noch eine komplett erhaltene Art-déco-Innenausstattung aus den 1920er Jahren vorweisen.

Daß das Haus nicht ‚nur’ ein Zaubertheater, sondern auch ein wahrer Verwandlungskünstler ist, bezeugt seine bewegte Geschichte: 1901/02 als Clubhaus eines Akademischen Vereins erbaut, dient es zunächst als studentischen Lustbarkeiten gewidmete Räumlichkeit. Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges ereilt den Verein allerdings die Pleite, und Bierstube, Fechtzimmer und Kegelbahnen weichen bald darauf einem Lazarett der Militärverwaltung. 1919 wechselt das Gebäude den Betreiber und damit erneut seinen Zweck: Das Kino „Terra“ wird eröffnet. Doch auch dieses Unternehmen soll nicht von Dauer sein. Im Mai 1922 vertraut der junge Wiener Schriftsteller Theodor Tagger seinem Tagebuch an, „ein sehr hübsches Theaterchen“ entdeckt zu haben. Da es aber noch als Kino genutzt werde, sei „sehr viel Umbau erforderlich“.

Tagger – später unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner als einer der bedeutendsten Dramatiker der Weimarer Republik gefeiert – ist der 1891 in Sofia geborene Sohn einer Französin und eines Wiener Bankiers. Eine impulsive Gestalt, hin- und hergerissen zwischen Emphase und Ennui. Ende Zwanzig gerät der junge Mann in die obligate Lebenskrise (ver)zweifelnder Dichter und Denker, die für ihn durch die Heirat mit der lebenspraktischen Bettina Neuer abrupt beendet wird. Mit der Unterstützung seiner energischen Frau unternimmt er 1922 einen kühnen Schritt und verwandelt das „Terra“ in ein Theater. Oder vielmehr: ein Theaterchen. Klein, aber fein mit 400 Sitzplätzen präsentiert sich das „Renaissance-Theater“ den neugierigen Premierengästen am Eröffnungstag. Gespielt wird an jenem 18. Oktober 1922 Ludwig Bergers Inszenierung von Lessings Miss Sara Sampsonmit Lucie Höflich, Gertrud Kanitz und Theodor Loos in den Hauptrollen. Auf den weiteren Spielplan setzt der junge Theaterdirektor vorwiegend Stücke zeitgenössischer Autoren sowie zahlreiche Strindberg-Werke. Er verpflichtet namhafte Regisseure wie Berthold Karl Heinz Martin und Heinz Hilpert; Alexander Granach, Olga Tschechowa, Walther Franck, Helene Weigel und einige andere der größten Schauspieler der Twenties treten in seinem Hause auf. Friedrich Hollaender komponiert hier seine Revuen. Dennoch bleibt Tagger als Direktor und Regisseur gleichermaßen der Erfolg versagt.

1926 dann eine weitere – die entscheidende – Verwandlung des Gebäudes: Der renommierte Theaterarchitekt Oskar Kaufmann, der in Berlin u. a. auch das im Originalzustand erhaltene Hebbel-Theater und – alle in veränderter Form nach 1945 wieder aufgebaut – die Volksbühne, das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm errichtet hat, erhält den Auftrag, das Haus zu einem ‚vollwertigen’ Theater umzubauen. Kaufmann, dem „Hexenmeister“ und Beherrscher „architektonischer Magie“, gelingt dieser Zauberstreich in nur 5 Monaten: Bereits am 8. Januar 1927 wird das Renaissance-Theater wieder eröffnet. Äußerlich präsentiert es nun eine Fassade mit buntem Glas und leuchtendem Namenszug, die sich allabendlich in eine raffinierte Licht-Installation wandelt. Der Art-déco-Innenraum trägt deutlich Kaufmanns Handschrift des „expressionistischen Rokoko“. Dem Zuschauerraum verleiht der Architekt einen intimen Saloncharakter; der Künstler César Klein intarsiert die rötliche Rosenholz-Verschalung des Rangs mit Motiven aus der Commedia dell’Arte und Antoine Watteaus „Fêtes galantes“. Ein solch großflächiges, kostbares Intarsienwandbild ist in der Theaterarchitektur einzigartig. Die Foyers und Wandelgänge erhalten durch ihre Farbenpracht und den Detail-Reichtum kunstvoll verarbeiteter Materialien eine verspielt-luxoriöse Atmosphäre. Diesem Prachtbau verpaßt die Reichsschrifttumskammer und das Wehrbezirkskommando bei ihrem Einzug 1937/38 innen wie außen eine ‚graue Gleichmachung’. Erst 1984 findet unter Leitung des Architekten Michael Lindenmeyer eine umfassende Restaurierung statt, die den Originalzustand der Eingangshalle wiederherstellt, und 1995 schließlich wird auf Initiative des Landesdenkmalamtes die Originalfarben der Foyers und Wandelgänge freigelegt. Heute steht das Theater unter Denkmalschutz.

Dem Triumph der architektonischen ‚Renaissance des Renaissance-Theaters’ kann Tagger keine erfolgreichen Inszenierungen an die Seite stellen. Als Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend unter der Regie von Gustav Hartung 1928 dem Theater einen Sensationserfolg beschert, ist Tagger alias Bruckner schon nicht mehr Direktor. Die Berliner Theaterlandschaft wird 1929/30 von der Wirtschaftskrise hart getroffen, und als nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zahlreiche Künstler Berlin den Rücken kehren, kommt das Theaterleben nach und nach zum Erliegen. 1932/33 muß das Renaissance-Theater gar seine komplette Schließung verkünden. Von 1933 bis 1943 bietet Direktor Alfred Bernau vorwiegend seichte Unterhaltungskost.

Am 27. Mai 1945 findet die erste Theatervorstellung im zerstörten Berlin statt. Der Schauplatz: das Renaissance-Theater, seit 1943 im Zuge der Enteignung der Privattheater dem Schiller-Theaters angegliedert. Auf dem Spielplan: der Striese-Schwank Der Raub der Sabinerinnen. Die erste Premiere Ende 1946 als nunmehr wieder eigenständiges Haus zeigt mit Strindbergs Fräulein Julie und der Komödie Boubourochevon Courteline eine Kombination aus Anspruch und Unterhaltung. Dieser Linie folgend leitet Kurt Raeck das Theater bis 1978. Raeck läutet die Epoche der großen Namen ein: Victor de Kowa, Lucie Mannheim, Hubert von Meyerinck, Tilla Durieux, Paul Hörbiger, Elisabeth Bergner, O.E. Hasse, Therese Giehse, Curt Goetz oder Grete Mosheim machen das Renaissance-Theater zu dem Berliner Schauspieler-Theater schlechthin.

Große Veränderungen für alle Berliner Theater bringt 1989 der Fall Mauer mit sich, und wer in der neuen Umgebung Fuß fassen will, muß ein unverwechselbares Konzept präsentieren. 1995 übernimmt Horst-H. Filohn die Intendanz des Renaissance-Theaters und zeigt Profil: Das neue – in Berlin einmalige – Spielplankonzept stellt dem Publikum internationale Gegenwartsdramatik vor, die einerseits die Zuschauer auf hohem Niveau unterhält und sich andererseits zeitkritisch mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzt. Auf der Bühne werden Geschichten von Menschen erzählt und die Geschichte unserer Zeit reflektiert. Eine erneute ‚Renaissance’ also, denn wie zu Taggers Zeiten prägen vornehmlich Stücke von zeitgenössischen Autoren in Ur- und Erstaufführungen den Spielplan.

Auch die Stars lieben diese Bühne wie eh und je. Film- und Fernsehschauspieler schätzen die Intimität des Ortes, große Namen stehen auf den Besetzungslisten: Mario Adorf, Boris Aljinović, Ben Becker, David Bennent, Bernd Stegemann, Renate Krößner, Imogen Kogge, Tina Engel, Nicole Heesters, Dominique Horwitz, Désirée Nick, Ilse Ritter, Udo Samel, Otto Sander, Andrea Sawatzki, Peter Simonischek, Peter Striebeck, Jürgen Tarrach, Suzanne von Borsody, Gerd Wameling, Angelika Milster, oder Judy Winter – sie alle sind bereits dem Zauber des Renaissance-Theaters verfallen und spielen hier gerne großes Theater. (Barbara Thoma, 2009)


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Die ausführliche Geschichte des Renaissance-Theaters Berlin



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