ARCHIV | STÜCKE | PORTRÄTS
David Hare
Was junge deutsche Theaterautoren in Pamphleten einfordern, das praktiziert David Hare jenseits des Ärmelkanals seit mehr als dreißig Jahren. Seine Stücke sind alle in engem Kontakt mit Schauspielern, Regisseuren, Theatern entstanden, alle wurden aufgeführt (auch das ist schließlich nicht selbstverständlich); sein Werk entwickelte sich in ständigem Austausch mit Interpreten und Publikum. Nie war David Hare "nur" Autor; er hat Theatergruppen gegründet und geleitet, er hat seine Stücke und die von Kollegen inszeniert, Rollen für bestimmte Schauspieler geschrieben.
 
Im vergangenen Jahr, mit 51 Jahren, trieb es ihn schließlich zum erstenmal selbst auf die (leere) Bühne. In seinem neuesten Werk „Via Dolorosa“ tritt er allein vor die Zuschauer und erzählt von seinen jüngsten Erfahrungen in Israel und den palästinensischen Gebieten. Als er den bitteren, provokanten Text im Frühjahr am Broadway vorstellte, rühmte ihn die New York Times als das beeindruckendste und mutigste Stück der aktuellen Saison. Daß die Lobeshymnen einer Mini-Produktion bar allen Glamours gelten, ist um so erstaunlicher, als Hares Broadway-Erfolge der letzten zwei Jahre mit den Namen großer Stars verknüpft waren: „The Blue Room“ (nach Schnitzlers „Reigen“) mit Nicole Kidman, „The Judas Kiss“ mit Liam Neeson und „Amy's View“ mit Oscar-Preisträgerin Judi Dench.

Ein überwältigendes Theatererlebnis ist oft der Grund für die Entscheidung, in diesem Metier arbeiten zu wollen. Für David Hare (und einige seiner Altersgenossen) war es die bahnbrechende, legendär gewordene Inszenierung des König Lear von Peter Brook 1962 mit der Royal Shakespeare Company. Kaum war er 21, gründete er mit Gleichgesinnten eine Wanderbühne, die mit schockierend aggressiven Stücken Aufmerksamkeit erregte - auch die eines sogenannten etablierten Theaters, des Royal Court Theatre, das ihn sogleich als Hausautor und Dramaturg verpflichtete.

Inzwischen umfaßt das Werk dieses außergewöhnlich produktiven Künstlers fast dreißig Theaterstücke (elf davon wurden am National Theatre London uraufgeführt) und elf Drehbücher für Fernseh- und Kinofilme. Sein Film „Wetherby“ mit Vanessa Redgrave und Judi Dench, bei dem er auch Regie führte, gewann 1984 auf der Berlinale den Goldenen Bären. Ein Jahr später war es soweit, daß er sein Lieblingsstück „König Lear“ nun seinerseits inszenieren konnte - in der Titelrolle Anthony Hopkins, der kurz zuvor der Presse-Satire „Prawda“ des Autorengespanns David Hare/Howard Brenton zu einem aufsehenerregenden Erfolg verholfen hatte. In der großangelegten Trilogie über die Stützen der britischen Gesellschaft - die Staatskirche („In Teufels Küche“), das Rechtssystem („Mühlen des Gesetzes“) und Labour als Oppositionspartei („Falscher Frieden“) - bestätigte er Anfang der 90er Jahre seinen Ruf als klarsichtiger Chronist der Thatcher-Ära. Aber auch wenn er sich in den folgenden Stücken wieder mehr dem Mikrokosmos des Privatlebens zuwandte, bleibt er auch da ein Wünschelrutengänger des Zeitgeistes, der immer noch „mit links“ schreibt („Writing Left-Handed“ ist der Titel seiner Essay-Sammlung von 1991).

(Stand: Oktober 1999)

zurück
Kartentelefon : +49-30-312 42 02 | CMS by STAPIS GmbH