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Julia Grimpe
Die Bremerin hatte ihr erstes Engagement am Schauspiel Köln schon in der Tasche, als sie nach vierjähriger Schauspielausbildung in Hamburg das Examen ablegte. Von 1994 bis 97 arbeitete sie dort mit den Regisseuren Günter Krämer, Torsten Fischer, Werner Schroeter und immer wieder mit Thirza Bruncken zusammen, die den Ruf hat, die Extremste ihrer Generation zu sein. Mit deren Inszenierung von Lothar Trolles „Hermes in der Stadt“ verbindet Julia Grimpe die glückliche Erfahrung kreativer Probenarbeit und von Erfolg. Die nächsten Stücke mit Bruncken kamen am Düsseldorfer Schauspielhaus heraus und brachten ihr Angebote von ersten Häusern ein. Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg spielte sie die Partnerin von Sylvia Rieger in Elfriede Jelineks „Sportstück“. Und dem Berliner Publikum stellte sie sich an der Schaubühne im Frühling diesen Jahres als junge d´Holbach in Eric-Emmanuel Schmitts philosophischer Komödie „Der Libertin“ vor.

Für eine junge Schauspielerin wie sie ist die Titelrolle der Amy in „Amys Welt“ von David Hare (Regie: Fred Berndt) eine spannende Herausforderung. Da ist zunächst die Gestaltung einer Entwicklung vom Fast-noch-Mädchen über die Phase des Mutterwerdens zur Enddreißigerin zu meistern. Dann entspricht diese Amy keinen Klischeevorstellungen von einer modernen Frau. Ihr unbedingter Glaube an die Liebe, an Verständnis, an Harmonie mutet altmodisch an. Ihre Weltsicht gibt dem Stück zwar seinen Titel, doch ist sie eher eine Anti-Heldin. Die eigentlichen Kontrahenten sind ihre Mutter und ihr Mann. Sie steht dazwischen, um Vermittlung bemüht. Ihr fällt es schwer, sich im Kampf der Egos um Besitz und Selbstverwirklichung zu behaupten. In der Gegenwartsdramatik ist ein solches Frauenbild sehr ungewöhnlich. Wie empfindet die Schauspielerin Julia Grimpe Amys Welt? Eine überraschende Antwort auf diese Frage steckt in der Antwort auf eine ganz andere. Nach ihrer Wunschrolle befragt, sagt Julia strahlend: Das Käthchen von Heilbronn! Und dieses Kleistsche Drama ist das romantische Märchen einer bedingungslosen Liebe.

(Stand: Oktober 1999)
©Marcus Nass

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