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Lina Wertmüller
Liebe und Anarchie: Auch in ihrer neuesten Komödie bleibt die große alte Dame des italienischen Films ihrem Lieblingsthema treu.

Die italienische Film- und Theaterregisseurin, Drehbuchautorin und Dramatikerin beklagt noch als fast Siebzigjährige, daß der Tag keine achtundvierzig Stunden hat, obwohl sie nach eigener Aussage mit drei Stunden Schlaf pro Nacht auskommt - immer in atemlosem Galopp durchs Leben.

Den deutschen Namen verdankt sie der Familie ihres Vaters, die seit Jahrhunderten im Kanton Zürich ansässig war, was sie mit einer ansehnlichen Galerie von Ahnenporträts belegen kann. Mit Vergnügen erzählt sie in ihren Familienerinnerungen ("Ich hätt' so gern einen exhibitionistischen Onkel gehabt"), wie einst ihr Ururgroßvater wegen eines illegalen Duells um eine Primaballerina bei Nacht und Nebel aus der Schweiz verschwinden mußte und im Königreich Neapel Zuflucht fand. So die Kurzfassung einer langen Familientradition, die sich in ihrem Namen niederschlug - vollständig lautet er: Arcangela Felice Assunta Wertmüller von Elgg Spagnol von Brauchich Job.

Die Tochter eines römischen Rechtsanwalts animierte das eisern patriarchalische Regime ihres Vaters zur Rebellion gegen die sogenannten bürgerlichen Werte, gegen Prinzipien und Ideologien. Die Überschreitung jeder Art von Regeln war und ist ihr wichtigstes Lebenselixier: Ich messe noch heute den Regeln so viel Bedeutung bei, denn welchen Spaß könnte es sonst machen, sie zu übertreten?

Gegen den Willen des Vaters studierte sie an der Theaterakademie Rom, tingelte mit einem Marionettentheater durch Europa. Entscheidend für Wertmüllers Karriere wurde die Begegnung mit Federico Fellini, der sie als Regieassistentin für seinen Film "8 1/2" engagierte und ermutigte, selbst Regie zu führen. Für ihren ersten Film "Die Eidechsen" wird sie 1963 beim Festival von Locarno für die beste Regie ausgezeichnet. Seither hat sie an die dreißig Filme gedreht. Berühmt wurden "Liebe und Anarchie" (1973), "Pasqualino/Sieben Schöheiten" (der 1976 vier Oscar-Nominierungen erhielt, darunter für Buch und Regie) und "Camorra" (der 1986 den Publikumspreis der Berlinale bekam). In Deutschland wurde sie einem breiteren Publikum erst bekannt, nachdem 1984 das Münchner Filmfestival ihre damals elf Filme mit großem Erfolg vorgestellt hatte.

Mit dem Theaterstück "Liebe und Magie in Mammas Küche", erstmals 1987 in Berlin an der Freien Volksbühne (Regie: Peter Palitzsch; mit Elisabeth Trissenaar und Irm Hermann) aufgeführt, gelang ihr dann der Durchbruch auf deutschen Bühnen. Im Mittelpunkt dieser grellen Story steht ein wahrhaft groteskes Exemplar einer süditalienischen Mamma - ein Muttertier, das aus überdimensionaler Liebe zum Sohn mordet. Am Renaissance-Theater Berlin war 1998 „Gianni, Ginetta und die anderen“ in der Inszenierung von Dietmar Pflegerl zu sehen.

Der Mythos von der Großen mediterranen Mutter, einst eine mächtige Herrscherin, weil sie als alleinige Erzeugerin des Lebens galt, ist für Lina Wertmüller von anhaltender Faszination. Aus dieser Quelle nähren sich ihre Phantasien, daß die weibliche Vitalität die Fesseln der patriarchalischen Ordnung auch wieder abschütteln könnte, um eine "Harmonie der Unordnung" zu etablieren. Als die UNO Lina Wertmüller die ehrenvolle Auszeichnung "Frau des Jahres" verleihen wollte, wurde sie gefragt, welches Motto auf ihre Medaille geprägt werden solle. "Der Mensch in der Unordnung" lautete ihre Atwort. Daraufhin wude sie doch nicht "Frau des Jahres".

(Stand: Mai 1998)

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