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Brian Friel
Brian Friel, geboren 1929, ist wie der Lyriker Seamus Heaney ein Katholik aus der Gegend von Derry, einer nordirischen Stadt in der Nähe der Grenze zur Republik Irland. Er paßt in das Teilungsschema - protestantischer britischer Norden hier und katholischer republikanischer Süden da - nicht hinein. Er gilt im Norden wie im Süden und inzwischen weltweit als Irlands bedeutendster lebender Dramatiker. Eine zentrale Rolle in seiner Dichtung spielt die vitale Tradition der Seanchai, der Geschichtenerzähler, die ihm von seinen irisch (gälisch) sprechenden Großeltern überliefert wurde, und die von immenser Bedeutung für die Verbreitung der irischen Sagen, Mythen und Rituale ist.

Fast alle Theaterstücke von Brian Friel spielen in dem fiktiven Ort 'Ballybeg'. Dieser von ihm kreierte irische Mikrokosmos liegt gleich an der Grenze zu Derry, der Stadt, als deren Bürger er sich betrachtet. Sein Werk ist Ausdruck einer tiefempfundenen Grenzmentalität: Zuhause sein heißt im Exil leben.

Friel begann 1960 hauptberuflich zu schreiben. Mit „Philadelphia, here 1 come!“ gelang ihm 1964 sein erster internationaler Erfolg. Es folgten 1967 „The Loves of Cass McGuire“(im Renaissance-Theater 1994 unter dem Titel „Haus Eden“ aufgeführt), „Ehrenbürger“1973 und 1979/80 „Aristokraten“, „Der Wunderheiler“ und „Translations“, das inzwischen als neues irisches Nationaldrama gilt. „Dancing at Lughnasa“, ein ganz auf die "Realität" der atmosphärischen Erinnerung setzendes Stück, kann man schon heute als den größten Theatererfolg eines irischen Dramatikers nach Samuel Becketts „Warten auf Godot“ bezeichnen. Seit der Premiere am 24. April 1990 im Abbey Theater Dublin hat es unzählige Preise in der anglo-irischen und amerikanischen Theaterwelt erhalten und mehr als 60 internationale Produktionen erlebt. „Molly Sweeney”, das einer Fallstudie von Oliver Sacks (“To see or not to see”) folgt, hatte am 9. August 1994 am Gate Theatre in Dublin Premiere; die Inszenierung, Friels Regiedebüt, wurde anschließend in London und dann in New York gezeigt. Seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte „Molly Sweeney“ 1996 am Münchner Residenztheater unter der Regie von Klaus Emmerich. Am Renaissance-Theater stand es 1997 in der Inszenierung von Fred Berndt auf dem Spielplan.

Um seine politischen Ideen und theatralischen Konzepte realisieren zu können, gründete Friel 1980 in Derry u. a. mit Seamus Heaney (der 1995 den Nobelpreis für Literatur erhielt) und dem auch in Hollywood erfolgreichen Schauspieler Stephen Rea die Theatergruppe „Field Day Company“, die sowohl in Nordirland als auch in der Republik Irland auftritt und den kulturellen und politischen Diskurs wesentlich mitbestimmt. Was Friels Werk so bedeutend macht, ist neben seiner dramatischen und sprachlichen Potenz und der Vielschichtigkeit seiner Konfliktdarstellung der Versuch, in einer disparaten gesellschaftlichen Situation politische Konflikte durch die Stiftung einer kulturellen Identität zu überwinden.

(Stand: Mai 1997)
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