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Piet Drescher
"Dieser Beruf hat mit dem Entdecken von Reibungsflächen an sich und den Partnern zu tun. Sobald man merkt, daß sich zu viel glättet, daß man schon beinahe bis zur Unfruchtbarkeit harmoniert, wird es Zeit, trotz aller gegenseitigen Wertschätzung den Horizont zu verändern. Ob der sich dann erweitert, muß sich herausstellen." sagte Piet Drescher zum Abschied von Karl-Marx-Stadt, wo er acht Spielzeiten als Regisseur gearbeitet hatte, - eine Äußerung, die charakteristisch für die Einstellung dieses Theatermannes zu seinem Beruf ist.

1940 in Berlin geboren, nutzte der theaterbegeisterte Schüler die Möglichkeit, die besten Aufführungen der 50er Jahre in beiden Teilen der Stadt sehen zu können: Inszenierungen von Wolfgang Langhoff, Wolfgang Heinz und Karl Paryla am Deutschen Theater; von Fritz Kortner, Jürgen Fehling, Rudolf Noelte und Hans Lietzau am Schiller-Theater; von Bertold Brecht und Erich Engel am Berliner Ensemble, und Walter Felsensteins berühmte Inszenierungen an der Komischen Oper - prägende Erfahrungen, die Maßstäbe setzten.

Nach dem Studium an der Staatlichen Schauspielschule Berlin-Schöneweide (1960-62) ging Drescher zunächst als Schauspieler, Assistent und Regie-Anfänger in die Provinz. 1967 erhielt er eine 4-jährige Aspirantur am Berliner Ensemble, wo er eine fundierte Ausbildung als Regisseur erhielt: Assistenzen bei Manfred Wekwerth vermittelten ihm Einsichten in das Handwerk; von Wolfgang Heinz lernte er die Kunst der Schauspielerführung. Darüberhinaus wurde er durch Abendregie, selbständige Proben, dramaturgische Aufgaben, Besuchergespräche voll in den Theaterbetrieb einbezogen. Wesentliche Denkanstöße und Erlebnisse verdankt er natürlich auch der Begegnung mit bemerkenswerten Künstlern, auch Theoretikern, die die Zeit am Berliner Ensemble für Drescher zu wertvollen Lehrjahren machten.

1971 ging der frischgebackene Regisseur mit einer Absolventengruppe der Berliner Schauspielschule nach Karl-Marx-Stadt. Das war der Beginn einer überaus fruchtbaren Theaterarbeit, die sogar in der 1994 in London und New York erschienenen "Enzyklopädie des zeitgenössischen Welttheaters" (herausgegeben von Don Rubin, Universität Toronto) erwähnt wird: "Das Städtische Theater Karl-Marx-Stadt (jetzt Chemnitz) spielte in den 70er und 80er Jahren unter dem Intendanten Gerhard Meyer (Jahrgang 1915) eine bedeutende Rolle. Zusammen mit den Regisseuren Hartwig Albiro und Piet Drescher entwickelte er ein Theater der Klarheit, der realistischen Genauigkeit und der poetischen Schönheit, das auf die Interessen und Bedürfnisse des Publikums in diesem sächsischen Industriezentrum einging und sich mit den Jahren einen landesweiten Ruf als Sammelpunkt für begabten Nachwuchs erwarb. Für viele Schauspieler, wie zum Beispiel Jutta Wachowiak, Cornelia Schmaus, Christian Grashof, Jörg Gudzuhn und Ulrich Mühe, war das der Start auf ihrem Weg zu den großen Theatern Berlins." Ein Höhepunkt von Dreschers damaliger Regie-Arbeit waren die beiden Teile von Goethes "Faust".

Auf der Suche nach neuen Herausforderungen ging Drescher nach Potsdam, Dresden, Berlin (Deutsches Theater, Maxim-Gorki-Theater, Berliner Ensemble), inszenierte Theaterstücke fürs Fernsehen, und verabschiedete sich schließlich doch von allem, was er aufgebaut hatte, als er 1986 die DDR verließ. Was bedeutete dieser Schritt für ihn, der immerhin nahtlos und mit Erfolg weiterarbeiten konnte, in Köln, in Bonn, in Zürich, in Wien. Nur eine Veränderung des Horizonts oder eine Erweiterung?

Nach der Wende kehrte der Berliner in seine Heimatstadt zurück, nahm auch seine Lehrtätigkeit an der Ernst-Busch-Hochschule wieder auf, seit einem Jahr als ordentlicher Professor. Am Studio des Renaissance-Theaters gelang Piet Drescher ein großer Wurf mit der Männer-Komödie "Eine Nacht mit Reg". Die enorme Publikumsresonanz auf das Stück in der sorgsamen und doch leichthändigen Inszenierung hat uns zu einem ungewöhnlichen Schritt bewogen: Wir werden die Erfolgsproduktion auf der Bühne des Renaissance-Theaters noch einmal zeigen. Erfolg weckt Erwartungen, die sich 1997 auf die Premiere von "Voltaires Neffe" richteten. Ein reizvolles Stück, findet Drescher, das von vielfältigen Spannungen lebt - in und zwischen den beiden Kontrahenten, aber auch zwischen ihnen und den Zuschauern.

(Stand: Januar 1997)

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