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Charles Brauer
Frühling 1946.

Der knapp Elfjährige ist mit der Straßenbahn unterwegs durch den Trümmerhaufen Berlin zur Friedrichstraße, wo es zwar keine Wohnung mehr gibt, aber eine Meldeadresse samt Lebensmittelkarten. Da spricht ihn ein fremder Mann an: Ob er nicht Lust habe, in einem Film mitzuspielen? Die Mutter, der er freudestrahlend davon erzählt, hält das für 'ne besonders krumme Tour. Das tut sie nicht mehr, nachdem ein leibhaftiger Aufnahmeleiter bei ihr erschienen ist und den Jungen förmlich zum "Vorspielen" in den Ruinen der Krummen Straße eingeladen hat. 35 Kinder finden sich dort ein, und er bekommt die Hauptrolle - Charles Knetschke, der später den Mädchennamen seiner Mutter annahm: Brauer.

Der Mann in der Straßenbahn war der Regisseur Gerhard Lamprecht, dem 1931 mit "Emil und die Detektive" nach Erich Kästner ein Welterfolg gelungen war. Nun dreht er den zweiten DEFA-Film (nach Staudtes "Die Mörder sind unter uns"), eine Geschichte über Trümmerkinder "Irgendwo in Berlin" mit bekannten Schauspielern wie Lotte Loebinger, Paul Bildt, Hans Leibelt und Fritz Rase - und dem kleinen Charles, für den es danach nahtlos weitergeht. Er bekommt einen 2-Jahres-Vertrag bei der DEFA und eine Theaterrolle nach der anderen - vom Theater am Schiffbauerdamm (u. a. in Ferdinand Bruckners "Die Rassen"), von der Tribüne, vom Hebbeltheater. Dort steht er zum Beispiel 1951 in William Saroyans "Mein Herz ist im Hochland" mit dem 13jährigen Debütanten Götz George auf der Bühne. Im Jahr darauf nimmt ihn Hilde Körber in die gerade neugegründete Berliner Max-Reinhardt-Schule auf.

Dann verschlägt es den jungen Schauspieler nach Hamburg: "Für fünf Mark am Abend habe ich da am 'Jungen Theater' die Hauptrolle in O'Neills 'O Wildnis' gespielt." In dieser klammen Lage meldet sich zum ersten Mal das Fernsehen. Im Herbst '54 startet die erste Serie der deutschen Fernsehgeschichte, die legendäre "Familie Schölermann", die fünf Jahre lang alle 14 Tage live (!) gesendet wurde - mit Charles Brauer als Sohn.

Seine künstlerische Entwicklung verdankt er jedoch vor allem dem Theater. Gustav Gründgens engagiert ihn 1956 ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg, und Brauer hat das große Glück, dort mit bedeutenden Regisseuren und Kollegen arbeiten zu können (Gustav Gründgens, Fritz Kortner,, Curt Bois, Ulrich Haupt u.v.a.). Zwanzig Jahre gehört er dem Hamburger Ensemble an, bis er 1976 nach München wechselt (Münchener Kammerspiele, Staatsschauspiel München).

Film und Fernsehen sorgen dafür, daß sich Charles Brauer dennoch nicht seiner Heimat Berlin entfremdet. Anhaltender Popularität bei einem Millionenpublikum erfreut sich das "Tatort"-Team Charles Brauer/Manfred Krug - auch privat verbunden durch eine gemeinsame Leidenschaft für den Jazz der Nachkriegsjahre. Und Dreharbeiten führen ihn immer wieder in die Stadt. Abgesehen von einem erfolgreichen Intermezzo in Niels-Peter-Rudolphs Shakespeare-Inszenierung "Maß für Maß" 1989 am Schiller-Theater, kommen die Berliner jedoch nicht in den Genuß, die lebendige Schauspielkunst des Charles Brauer auf der Bühne zu erleben.

Nun können sie es. Nach genau fünfzig Jahren kehrt Charles Brauer an den "Tatort" zurück, an dem seine Karriere begann. Im Renaissance-Theater, wo er einst den grandiosen Charakterdarsteller Theo Lingen bewunderte, spielt er nun die Rolle eines russisch-amerikanischen Chefautors in Neil Simons "Ein Gag für Max", von der er gleich bei der ersten Lektüre begeistert war und auch nach anstrengender Probenzeit immer noch ist.

(Stand: Oktober 1996)

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