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Marguerite Duras
Am 3. März 1996 starb in Paris die Schriftstellerin Marguerite Duras. Wenn diese außergewöhnliche Frau bis zum letzten Tag ihres Lebens im In- und Ausland immer bekannter und beliebter wurde, dann verdankte sie diesen Erfolg sicherlich ihrem fast starrköpfigen Beharren darauf, sich in jeder Lebenslage treu geblieben zu sein. „Eines Tages, ich war schon alt, kam in der Halle eines öffentlichen Gebäudes ein Mann auf mich zu. Er stellte sich vor und sagte: 'Ich kenne Sie seit jeher. Alle sagen, Sie seien schön gewesen, als Sie jung waren, ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß ich Sie heute schöner finde als in Ihrer Jugend, ich mochte Ihr junges Gesicht weniger als das von heute, das verwüstete.'" So beginnt „Der Liebhaber“, der Roman, für den Marguerite Duras 1983 den Prix Goncourt, den berühmtesten aller französischen Literaturpreise, erhielt; ein Roman, der eine Auflage von fast drei Millionen Exemplare erreichte und, in vierzig Sprachen übersetzt, zu einem Welterfolg wurde, den der von Jean-Jacques Annaud zu dem Buch gedrehte Film noch vergrößern sollte. Tatsächlich hatte das Gesicht dieser Frau beeindruckende Züge, und tatsächlich war ihr Lebensweg ungewöhnlich: von dem jungen Mädchen der Zwischenkriegszeit mit ihrem sinnlichen und verwirrenden Charme zu dem spöttischen Mund und der stoischen Miene der "bedeutenden Frau" der letzten Jahre, die großen Augen mit ihrem provozierenden Funkeln stets weitgeöffnet hinter den dicken Brillengläsern.

Zerstörung... das ist ein Schlüsselwort bei Marguerite Duras, die sich in ihren Romanen, Theaterstücken und Filmen wieder findet wie in einer Galerie von Spiegeln. Die Autorin identifizierte sich mit ihrem Werk so sehr, daß sie oft selbst nicht mehr sagen konnte, was autobiographisch und was erfunden war. Liebe, Leben, Tod... Wie alle ihre Personen hat auch Marguerite Duras das unbarmherzige Gesetz der Zerstörung am eigenen Leib erfahren, aber ihre Vitalität und ihr Talent erlaubten ihr, gerade diesen Verfallsprozeß zur unerschöpflichen Quelle rauschhafter Erlebnisse zu machen.

Geboren wurde Marguerite Duras 1914, wenige Wochen vor Ausbruch des ersten Weltkriegs in Gia Dinh in Indochina, einem Vorort von Saigon. Ihr Vater, Henri Donnadieu - ein Name, den sie nicht leiden kann und den sie durch den jenes Dorfes in Südwestfrankreich ersetzen wird, aus dem die Familie ihres Vaters stammt - unterrichtet Mathematik; seine Berufslaufbahn führt ihn nach Tonkin und nach Kambodscha. Als er aus gesundheitlichen Gründen nach Frankreich zurückkehrt und jung stirbt, beschließt seine Frau, Marie Legrand, die von einem Bauernhof in der Picardie stammt, mit ihren beiden Söhnen und der vierjährigen Marguerite in Indochina zu bleiben.

Da ist sie also, die nie ganz faßbare Figur des Duras'schen Erzählwerks: die Mutter. Jene Mutter aus „Heiße Küste“ (1950), die sich dann im „Liebhaber“ wiederfindet, immer dieselbe, aus einem Guß, mutig und starrköpfig bis zur Absurdität in ihren Entscheidungen und ihren Positionen, geliebt und verabscheut, respektiert und zugleich in den Schmutz gezogen:

Als Witwe bringt die Mutter sich und ihre Kinder mit Französischunterricht und Klavierspielen in einem Stummfilmkino durch. Dann versucht sie, eine Konzession in Kambodscha zu erhalten, um von der Landwirtschaft zu leben. Aber sie ist zu naiv, um zu bemerken, daß die korrupte Kolonialverwaltung ohne Schmiergeld kein ertragfähiges Grundstück in Konzession vergibt. So verliert sie ihre gesamten Ersparnisse und ruiniert sich bei dem vergeblichen Versuch, immer neue Dämme zu bauen, um ihre Reisfelder gegen die jährliche Überschwemmung durch die Fluten des Meeres zu schützen.

Mit derselben Entschiedenheit, ja Starrköpfigkeit, mit der ihre Mutter die Reisfelder in Indochina bestellt und sich später in Frankreich dem Weinbau und der Viehzucht gewidmet hatte, macht die Duras sich ans Schreiben. Freilich eigneten sich Temperament und ein - durchaus poetisches - rauschhaftes Lebensgefühl, das sie von ihrer Mutter geerbt hat, auch besser zum Schreiben von Romanen als zum Reis- oder Weinbau.
 
Das wird sehr rasch klar, als die Duras 1943 mit ihrem ersten Roman, „Die Schamlosen“, herauskommt. Im Jahr darauf erscheint „Ein ruhiges Leben“, das der von diesem jungen Talent beeindruckte Schriftsteller Raymond Queneau bei Gallimard herausbringen läßt. Noch bekannter wird Marguerite Duras dann 1950 mit „Heiße Küste“, das wegen des kommunistischen Engagements der Autorin den berühmten Prix Goncourt verfehlt. Denn die Duras, die mit achtzehn nach Frankreich gekommen war, hatte in der Zwischenzeit ein wechselvolles Schicksal hinter sich: Zunächst schloß sie ein Jurastudium ab und wurde Beamtin im Kolonialministerium. 1939 heiratete sie den Dichter Robert Antelme, 1942 brachte sie ein totgeborenes Kind zur Welt. Dann kamen die Jahre der Okkupation von Paris und der Widerstandsgruppen. Ihr Mann wird verhaftet, in das Dachauer KZ verschleppt, und von François Mitterrand höchstpersönlich von dort aus zurückgebracht. Er führte Marguerite in die Résistance-Kreise ein.

Nach der Befreiung von Paris schloß die Duras sich der Kommunistischen Partei an, aus der sie 1950 nach dem Prager Staatsstreich ausschied. In diesen Jahren publizierte sie nichts, sondern widmete sich ganz der Politik und verkaufte die Parteizeitung „L'Humanité“. Damals lebte man im „Ménage à troi“: Marguerite Duras, Antelme und Dionys Mascolo. Schon mit dreißig war die Duras, die in unmittelbarer Nähe zu Sartre in Saint-Germain-des-Prés lebte, in dem Aufbruchsklima der unmittelbaren Nachkriegszeit so etwas wie ein Star in der Pariser Intellektuellenszene. Aber es sollte noch 40 Jahre dauern, bis sie zu einem Weltstar im Bereich von Literatur und Film wurde.

Diese Frau schont weder sich selbst noch andere: Am Tag nach ihrem Tod schrieb der Journalist Bertrand Poirot-Delpech über sie in der Zeitung Le Monde: "Wenn dieses kleine Persönchen mit den dicken Brillen und der heiseren Stimme, der man die lange Sitzung des Vortags anzuhören meinte, sich im Widerstand oder in der Politik engagiert, wenn sie an den Kommunismus glaubt und wenn sie ihn verabscheut, wenn sie die unterschiedlichsten Dinge tut, dann tut sie all das aus dem Bauch heraus und rückhaltlos, ohne Vor- und Rücksicht."

Die Duras kennt keine Grenzen, weder zwischen den Wünschen des Herzens, noch zwischen den Launen des Körpers, zwischen dem Wein und anderen Alkoholika, etwa dem Whisky aus „Der Matrose von Gibraltar“ (1952), dem Campari aus „Die Pferdchen von Tarquinia“ (1953) oder dem Rotwein aus „Moderato cantabile“ (1958). Und genauso wenig gibt es für sie Grenzen zwischen dem Roman, dem Theater, dem Film und dem Journalismus. Als sie „Ganze Tage in den Bäumen“ (1954) schreibt, macht sie daraus unterschiedslos ein Buch, ein Theaterstück und einen Film.

„Marguerite Duras beherrscht eigentlich nur eine einzige Sache wirklich: das Schreiben und das ganz eigentümliche Geräusch, das die Wörter von sich geben, wenn sie sie zusammenstellt. Ist das nicht schon sehr viel? Ihre Bücher und ihre Filme sollte man mehr mit den Ohren "lesen" als mit den Augen. Dann wird man sich nicht darüber wundern, daß sie ‚Hiroshima mon amour’ geschrieben hat oder daß sie es gewagt hat, den Mord an einem in einem Bach in den Vogesen ertränkt aufgefundenen Kind - ein Kriminalfall, der in den 80er Jahren viel Staub aufwirbelte - als ‚sublim, ganz notwendigerweise sublim’ zu bezeichnen, ja sogar - aus eher literarischen als juristischen Überlegungen heraus - die Mutter des Kindes, Christine Vuillemin, als die Mörderin zu bezeichnen.“

Jean-Louis Arnaud

 

 

Aufführungen:
LA MALADIE DE LA MORT

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