ARCHIV | STÜCKE | PORTRÄTS
Mascha Kaléko
Mascha Kaléko - Ihr Leben

1914 kam Mascha Kaléko als Golda Malka Aufen mit ihren Eltern und ihrer Schwester aus dem westgalizischen Stetl von Chrzanów, wo sie als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter am 7.Juni 1907 das Licht der Welt erblickt hatte, nach Frankfurt am Main, bald darauf nach Marburg und schließlich 1918 nach Berlin, wo sich die Familie im Scheunenviertel, dem Zentrum der Ostjuden, niederließ.

Nach einer Sekretärinnenausbildung und Büroarbeit für das "Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands" veröffentlichte Mascha Kaléko ab 1930 in verschiedenen Berliner Tageszeitungen, vor allem in der "Vossischen Zeitung" und im "Berliner Tageblatt", kleine Gedichte und Verse, die auch als Chansons Erfolg hatten und von Thomas Mann bis Alfred Polgar gelobt wurden. Entdeckt und gefördert worden war sie von dem Kritiker Monty Jacobs, einem der Pioniere des deutschen Feuilletons. Fortan gehörte sie zum Kreis der schöpferischen Bohème. Im Romanischen Café, dem Treffpunkt der Literaten und Künstler, traf sie Tucholsky, Ringelnatz, Klabund, Else Lasker-Schüler, Walter Mehring und Erich Kästner, mit dem sie oft verglichen wurde, da sie in ihren Alltags- und Beziehungsgedichten ähnlich wie Kästner einen heiter-melancholischen Ton anschlug oder, wie Thomas Mann sagte, eine "aufgeräumte Melancholie" bevorzugte. Man nannte sie auch die "weibliche Kästner" und die Philosophin der kleinen Leute.

Anfang der dreißiger Jahre erschien ihr Gedichtband "Das lyrische Stenogrammheft" und bald darauf ihr "Kleines Lesebuch für Große" mit scharf umrissenen Miniaturen von möblierten Herren, unglücklichen Mannequins und selbstzufriedenen Berliner Piefkes, deren Alltagsmentalität die Kaléko ihren Traum vom "kleinen Glück" entgegensetzte. Bewusst stilisierte sie sich in den ersten Gedichten, um ihre ostjüdische Herkunft zu verschleiern, zur Berliner Großstadtpflanze und bediente sich gerne des Berlinerischen Jargons wie etwa in "Piefkes Frühlingserwachen".

Mit einundzwanzig Jahren heiratete die Lyrikerin den Philologen Saul Kaléko. Später verliebte sie sich in den Dirigenten und Komponisten Chemjo Vinaver, ließ sich scheiden und heiratete ihn. Nachdem die Nazis ans Ruder gekommen waren, wurde Mascha Kaléko aus der Reichsschrifttumskammer

ausgeschlossen und erhielt Arbeitsverbot. Mit ihrem Mann, ihrem Sohn Evjatar - in Amerika wurde dann aus Evjatar ein Steven - blieb die Dichterin bis 1938 in
Deutschland, weil sie den Verlust ihrer Heimat und Sprache zu sehr fürchtete. Doch als die Angriffe in der Nazipresse immer heftiger wurden, emigrierte die Familie 1938, buchstäblich in letzter Minute, in die USA und fand eine Bleibe in New York. Hier verdiente Mascha Kaléko das tägliche Brot durch Anfertigen von Reklamesprüchen und dichtete nur noch nebenbei. "Darf man klagen? Nein! wir sind alle beieinander. Und überall ist Krieg", schreibt sie 1940 in ihr Tagebuch.

Mascha Kaléko entrinnt dem Heimweh nach der verlorenen Heimat und dem Gefühl der Heimatlosigkeit durch ihre Poesie, aber auch durch ihre Fürsorge für die Nächsten, für die Familie und die wenigen Freunde, die noch geblieben sind. "Zur Heimat erkor ich mir die Liebe" heißt es nicht nur in einer Verszeile, sondern ist auch Mascha Kalékos gelebte Maxime. Obgleich nun Kummer und Verzweiflung ihre Sprache härter werden lassen und zunehmend Verzweiflung, Angst und Unsicherheit ihre Gedichte prägen, so verliert sie doch selbst in der Emigration weder ihre Leichtigkeit noch ihre spöttische Eleganz.

Mitte der fünfziger Jahre kommt sie nach Europa zurück. Im Heinejahr 1956 erwies sie ihrem geistigen Ziehvater, dem Ironiker und Emigranten Heinrich Heine, mit ihrem Gedicht "Deutschland, ein Kindermärchen" ihre Reverenz und blickte zurück auf ihr eigenes beschädigtes Dichterleben. Doch dann beginnt in der Bundesrepublik eine regelrechte Kaléko-Renaissance. Alte Freunde erinnern sich ihrer. Lesereisen durch die Republik werden organisiert, ihre Gedichte neu aufgelegt. Die Kaléko findet schnell wieder Leser, nicht zuletzt durch ihre in Amerika entstandenen und 1945 zuerst veröffentlichten "Verse für Zeitgenossen". Auch "Das lyrische Stenogrammheft" erscheint bald wieder. Martin Heidegger schreibt ihr 1959: "Aber Ihr Stenogrammheft sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben." Mascha wird zu Rundfunk- und Presseinterviews eingeladen. Sie wird herumgereicht, hält Vorträge und liest ihre Gedichte. Die vollen Säle überall sind ein Beweis, dass sie in Deutschland nicht vergessen ist. Wo immer sie auftaucht, in Berlin, Stuttgart, Frankfurt, Kassel, Zürich, schlägt sie die Zuhörenden in ihren Bann. Auch öffentlich wollte man sie ehren - mit dem mit viertausend Mark dotierten Fontane-Preis. Da aber das Jury-Mitglied Hans Egon Holthusen vier Jahre SS-Mitglied gewesen war, lehnte sie ab. Es kommt zu einem Karriereknick. Einen Preis bietet man ihr nie wieder an.

Ihrem Mann zuliebe übersiedelte sie Anfang der sechziger Jahre nach Israel, nach Jerusalem, denn nur dort konnte Chemjo Vinaver sein geplantes Standardwerk zur chassidischen Synagogalmusik vollenden. Doch seine Frau fühlte sich unglücklich. Krankheit, Einsamkeit und Isolation waren beinahe ihre ständigen Begleiter im gelobten Land. Gelegentliche Lesungen in Deutschland und in der Schweiz und einige bescheidene Bucherfolge halfen ihr wenig. Schließlich zerstörten schwere Schicksalsschläge ihren Lebenswillen. 1968 starb ihr Sohn, der schon als Student mit mehreren Literaturpreisen in den USA ausgezeichnet worden war. Wie tief Schmerz und Trauer der Mutter waren, kann man der "Elegie für Steven" entnehmen. 1973 verstarb ihr Mann, und vierzehn Monate später folgte sie ihm am 21.Januar 1975 in Zürich.

Über sich selbst hat Mascha Kaléko kaum etwas verlauten lassen. Mit der Bemerkung: "Anstatt der üblichen Statistik/Gönnt der Autorin etwas Mystik", verweist sie auf ihre Gedichte. Vieles über das Leben der Schriftstellerin ist daher im Dunklen geblieben.

Ihre Nachlassverwalterin Gisela Zoch-Westphal schreibt über sie: "Sie hatte den Reiz einer Zigeunerin mit ihren halblangen schwarzen Haaren, den tiefdunklen Augen und einem sprühenden Charme, der ihr bis in die letzten Lebensjahre erhalten blieb." Die Freude am pointierten verbalen Ausdruck habe sie sich selbst noch in der Todesnähe im Umgang mit Schwestern und Ärzten im Krankenhaus bewahrt.

Hermann Hesse hat sie schon früh als eine "Dichterin der Großstadt" bezeichnet, deren Verse durch eine "Mischung von Sentiment und Zynismus, frühreifer Desillusion und heimlicher Verzweiflung" gekennzeichnet seien. Albert Einstein hat nach eigenem Bekunden ihre Gedichte "mit wirklicher Bewunderung gelesen". Vor allem an den Kindergedichten in "Wie's auf dem Mond zugeht" soll er seine große Freude gehabt haben.

Der Beitrag erschien in „Der Literat“, Fachzeitschrift für Literatur und Kunst, 47.Jahrgang, Juni 6/2005.

zurück
Kartentelefon : +49-30-312 42 02 | CMS by STAPIS GmbH